von Jörg H. Ahlfänger, MA


Der Anfang an der Rennbahn#

Oft ist man schon die Wandlitzstraße bis zur Lehndorffstraße entlanggegangen, ohne daran zu denken – oder es überhaupt zu wissen – daß hier der bauliche Ursprung der Siedlung Karlshorst liegt. Diese Strecke entlang der Bahnlinie ist heute eine ruhige Gegend. Am 28. Mai 1894 aber begann hier der Bau des ersten Hauses von Karlshorst. Die Wohnhäuser mit den damaligen Anschriften Kaiser-Wilhelm-Str. 1 bis 3 (ab 1934 Lehndorffstr. 2, 4 und 6) standen jedoch keine fünfzig Jahre. Im Dezember 1943 fielen sie einem Luftangriff zum Opfer. Anderen Quellen zufolge gab es jedoch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Neubauten an dieser Stelle.

Hintergrund der Bautätigkeit inmitten von Sand und Wald bildete die Berliner Wohnungsmisere. Konkreter Anlaß war wohl 1890 der Mord an einem Mitglied der Inneren Mission durch das Ehepaar Heinze, der in der Berliner Öffentlichkeit heftige Reaktionen hervorrief. Selbst Kaiser Wilhelm II. wurde durch das Verbrechen auf die schreckliche Wohnungsnot aufmerksam und veranlaßte (unter Druck geraten), als gutes Beispiel den Bau dreier Häuser für gut beleumdete Arbeiter. Seit 1913 erinnerte ein zwischenzeitlich verschwundener, aber seitdem wieder ersetzter, Gedenkstein an den „Ausgangspunkt der Kolonie Karlshorst“.

Um es nicht dabei zu belassen, bildete sich im Frühjahr 1893 unter Kammerpräsident Dr. Otto von Hentig die Baugesellschaft Eigenheim, in deren Auftrag der Baumeister Oscar Gregorovius für 610.000 Reichsmark ein Gelände von 600.000 m² aus der Gemarkung Friedrichsfelde erwarb. Noch existierte kein Bebauungsplan für dieses Gebiet, darum wurde beim Landratsamt des Kreises Niederbarnim ein Antrag auf Erteilung des „Koloniekonsenses“ gestellt. Die Genehmigung erteilte am 25. Mai 1895 der zuständige Landrat Wilhelm von Waldow und legte damit offiziell das Geburtsdatum von Karlshorst fest.

Wer die ersten Karlshorster waren – also die Bewohner der erwähnten Häuser – ist aus dem Berliner Adreßbuch von 1900 bekannt: Hempt, W. Wächter… Ulrich, C. Eisenbahnarbeiter… Mohnke, F. Eisenbahnarbeiter. Schon die nächsten Bewohner der Kaiser-Wilhelm-Straße waren aber einige der adligen Gründer und den ersten Bauten folgten Villen. Die Lage der Baustelle Karlshorst bot sich nicht zuletzt wegen der verkehrsgünstigen Lage an der Vorortstrecke Berlin – Fürstenwalde der Niederschlesisch- Märkischen Eisenbahn an. Vor dem uns bekannten Bahnhof befand sich an der Strecke westlich der Treskowallee der am 9. Mai 1894 als Kopfbahnhof eröffnete Rennbahnhof Karlshorst.

Gut geplant war dieser Termin, denn an eben diesem Tag fand das erste Rennen auf der neugestalteten Bahn des Vereins für Hindernisrennen statt – der damals größten Hindernisbahn Deutschlands. Schon zuvor ging es seit dem 24. Juni 1862 über die 26 Hindernisse der Vorgängerbahn auf der Jagd nach dem Ehrenpreis des Königs. Als nach fünf Jahren das Rennen verlegt wurde, drohte das Aus für die Karlshorster Bahn. Doch 1892, als man sich nicht über den Pachtvertrag für die Charlottenburger Rennbahn einigen konnte, war Carlshorst (damals noch mit „C“) die Rettung. Für 500.000 RM wechselte das Gelände am 3. April den Besitzer und nach großen Vorbildern entstand eine glanzvolle Anlage, die ihre Premiere gleichzeitig mit dem Rennbahnhof 1894 erlebte.

DeWikipedia:Trabrennbahn_KarlshorstDeWikipedia:Treskowallee


Bahn- und Bahnhofsgeschichten#

Um die Jahrhundertwende wurde die Entwicklung eines Ortes wesentlich von seiner Verkehrsanbindung beeinflußt. Karlshorst konnte da auf eine gute Lage setzen: Schon um 1872 kreuzte die Vorortbahn die alte Kreis-Chaussee (die heutige Treskowallee). Die wenigen Einwohner des damaligen Vorwerks Carlshorst verfügten noch über keinen „eigenen“ Bahnhof. Erst 1893 lagen Zeichnungen zum Entwurf zur Anlage einer Haltestelle für die Rennbahn bei Karlshorst vor. Der Rennbahnhof ging dann am 9. Mai 1894 als Kopfbahnhof in Betrieb, termingerecht übrigens. Gegenüber der Lehndorffstraße, am bekannten Halbrondell, befand sich der selten genutzte Empfangspavillon für Kaiser Wilhelm II. Dieser 1927 abgerissene Bahnhofsbestandteil verwirrt bis heute, reden doch viele vom nie vorhandenen „Kaiserbahnhof“, wenn sie den jedermann zugänglichen Rennbahnhof meinen. Seit 1897 diente der Pavillon für einige Jahre als Ersatzkirche sowohl für die katholische als auch für die evangelische Gemeinde in Karlshorst. Der Fachwerkbau des Rennbahnhofs wurde erst in den vergangenen Jahren von der Allgemeinheit sozusagen als „Einkaufsbahnhof“ wiederentdeckt.

Zum 1. Mai 1895 ging – noch auf der Westseite der Treskowallee – der Vorläufer des heutigen S- und Regionalbahnhofs, nach Überwindung vieler Schwierigkeiten, die von der Bahnverwaltung gemacht wurden, in Betrieb. Das ganze Gelände des Rennbahnhofs, rund 30.000 m², wurde dem Bahnfiskus unentgeltlich übergeben. Schließlich leistete sich der neue Vorort mit der Station „Carlshorst“ zwei Bahnhöfe! Vorher, so wird beschrieben, mußten die Kolonisten „zu Fuß bis zu ihrem Eigenheim wandern“. Doch schon bald wich der Haltepunkt „für den Personen und Gepäck Verkehr“ einem Neubau am heutigen Standort auf der anderen Straßenseite.

Da zur Trasse zwei Vorortgleise hinzukamen, wurde eine völlige Umgestaltung erforderlich. Die bisher die Treskowallee für durchfahrende Züge sperrende Schranke verschwand 1901 zugunsten eines neu anzulegenden Bahndammes. Auf die dafür abgetragenen Karlshorster Krähenberge wird später eingegangen. In diesem Zusammenhang entstand das uns heute bekannte Empfangsgebäude, das 1915 mit der Erweiterung des Bahnverkehrs und der kommenden Elektrifizierung des S-Bahnbetriebes etwas erweitert wurde. Täglich fuhren 140 Züge in beiden Richtungen; 15 Minuten zum damaligen Schlesischen Bahnhof und 25 Minuten bis zur Friedrichstraße. Der vom Haus- und Grundbesitzerverein direkt am Bahnhof angebrachte Wohnungsnachweis und der Ortsplan führte den damaligen Karlshorst-Besucher dann gleich auf den richtigen Weg.

Am Rande, weil zum Thema gehörend, sei noch etwas Straßenbahngeschichte eingefügt: Seit dem 1. Mai 1910 verkehrte, wenn auch vergleichsweise spät, auf der Treskowallee die erste elektrische Straßenbahnlinie zwischen Friedrichsfelde und Niederschöneweide-Johannisthal. Die Linie blieb, aber die Numerierung änderte sich: Ab 1913 hieß sie Linie III; ab 1921 Linie 95, dann in Folge 68, 70 und 169; seit 1931 bis 1975 (mit nur rund einmonatiger Unterbrechung zum Kriegsende) 69. Seit 1968 wurde sie von den Linien 17 und 19 begleitet. Eine zweite Strecke führte ab 1951 mit der 82 entlang der Ehrlichstraße. Die 21 kam 1970 dazu; sie ist heute dort die einzige Linie. Seit Anfang der 90er Jahre fahren auf der Ursprungsstrecke Treskowallee die 26, 27 und 28.

Eine Karlshorster Einmaligkeit stellte zwischen 1946 und 1949 der sogenannte Machorka-Expreß dar. Der Name rührt von gelegentlichen Trinkgeldern in der Nachkriegs-Zigarettenwährung her. Diese Spezialstraßenbahn für sowjetische Besatzungssoldaten verkehrte zwischen dem sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst und der Außenstelle Wendenschloßstrasse. Noch jahrelang konnte man die extra dafür gelegten, nach 1949 aber ungenutzten Gleise in der Dönhoffstraße sehen. Der S-Bahnhof hingegen hat sich bis heute nicht mehr allzuviel verändert. Auf alten Fotos sieht man, daß die Litfaßsäule schon an der gleichen Stelle stand wie heute, und auch die beiden Geschäfte für Obst und für Blumen gab es damals schon. Der Bahnhofsboom der frühen Jahre führte 1914 sogar zur vergeblichen, und wohl deshalb wiederholten, Forderung nach einer weiteren Station am Kant-Gymnasium, der heutigen FHTW.

Bis 1945 weitgehend problemlos in Betrieb, wurden nach dem Krieg die Gleise demontiert und der S-Bahnhof Karlshorst verwaiste bis zu seiner Wiedereröffnung 1948. Wer die Bahnbrücke unterquert, kann an der bahnhofsseitigen Wand unterhalb des Gleiskörpers die Aufschrift Bahnhof Karlshorst lesen. Hier gab es einen Eingang in die Vorhalle, der 1951 vermauert und durch den neuen Südausgang ersetzt wurde. Aus dem Ende der 50er / Anfang der 60er Jahre geplanten Fernbahnhof wurde außer dem bis 2017 existierenden Provisorium nichts. Hier entlang führte bis zum Mauerfall die einzige Verbindung nach Potsdam; ich kann mich noch gut an regelmäßige, fast einstündige Fahrten mit dem Sputnik erinnern.

DeWikipedia:Bahnhof_Berlin-Karlshorst


Karlshorster Gebirge#

Dieser Teil reicht zurück in eine Zeit, als Karlshorst als Ort noch nicht existierte, oder noch sehr jung war, und weicht etwas von der bisherigen Chronologie ab. Doch wer kann sich schon noch an Berge und Felder mitten in Karlshorst erinnern? Etwa auf der Höhe der heutigen Kreuzung Waldowallee / Rheinsteinstraße lag seit 1825 ein Vorwerk zur Bewirtschaftung der Güter von Carl von Treskow. Er wurde zum Namenspatron der späteren Siedlung, indem er das Vorwerk „Carlshorst“ nannte. Bis 1869 gab es hier lediglich sieben Wohnhäuser und Wirtschaftgebäude, von denen heute keine Spur mehr existiert. Außer dem Namen hatte das Vorwerk jedoch keine weitere Bedeutung für die Entwicklung von Karlshorst.

Eine ungefähre Orientierung in diesem Gelände wäre auch für uns heute noch möglich, folgen doch die Verläufe der heutigen Waldow- und Treskowallee denen zweier alter Sandwege. Der Streckenverlauf der seit 1841 durch den Süden der Friedrichsfelder Feldmark führenden Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn gleicht dem der heutigen S- und Fernbahn. Bis wenige Jahre vor Beginn des 20. Jahrhunderts bedeckte dichter Wald den Boden unseres Ortsteils und noch bis zur Mitte der dreißiger Jahre fand sich in Karlshorst ausgedehnte Heidelandschaft mit Sträuchern und kleinen Baumgruppen. Auf der Achse der Dorotheastraße zwischen Karl-Egon-Straße und heutiger Sangeallee boten die Krähenberge Rodelmöglichkeiten im Winter und Buddelsand im Sommer. Im Jahre 1896 konnten die Karlshorster von dort aus das tägliche Feuerwerk der Gewerbeausstellung in Treptow beobachten.

Eigentlich handelte es sich bei diesen „Bergen“ lediglich um große Sandhaufen; nämlich um Binnendünen, die nach der Eiszeit entstanden. Unsere Gebirge bestanden aus fast reinem Sand mit kleineren Steinen. Westlicher gelegene Flugsandfelder ließen sogar Mauern in der Junker-Jörg-Straße derart versanden, daß sie schließlich ganz begraben waren. Erst bei der Abtragung der Sandberge um die Jahrhundertwende kamen sie schließlich wieder zum Vorschein. Damals wurden etwa 120.000 Kubikmeter Boden abtransportiert, davon 57.000 für den Bau des Bahndammes am Bahnhof Karlshorst. Weiter nördlich an der Strausberger Bahnstrecke wurden weitere Sandberge von den Schienen durchschnitten. Die Fuchsberge an der Grenze zu Friedrichsfelde lagen etwa sechs Meter und die Krähenberge etwa vier Meter über Karlshorster Straßenniveau (die Treskowallee verläuft auf Höhe der evangelischen Kirche 35,6 m über dem Meeresspiegel). Den vielen Krähen, die seinerzeit in Karlshorst nisteten, verdanken die Krähenberge ihren Namen. Die Einwohner der Gründerzeit sollen deshalb nicht nur zum Spaß den Namen „Krähenhorst“ passender für den neuen Ort gefunden haben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Karlshorst in einigen Teilen feuchter als heute. Es kam sogar zu gelegentlichen Überschwemmungen der Rohrlake, eines Baches, der den inzwischen verschwundenen See im Seepark an der Liepnitzstraße speiste. Überhaupt prägte eine ganze Reihe von kleinen Flüßchen und Seen das junge Karlshorst. Spuren eines früher größeren sumpfigen Feuchtgebietes lassen sich nur noch in der Kleingartenanlage Stallwiese am Traberweg finden. Auch wenn Karlshorst inzwischen mehr „Stadt“ ist als noch vor 100 Jahren, stimmt der Satz aus der Werbebroschüre des Haus- und Grundbesitzervereins Karlshorst von 1911 noch immer: Karlshorst ist und bleibt der schönste Vorort des Ostens!

DeWikipedia:RohrlakeDeWikipedia:Hoher_Wallgraben


In Karlshorst zur Schule gehen… (bis 1914)#

Die Gründungszeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sah Karlshorst noch nicht von Berlin umgeben, sondern als Ort, der seine Selbständigkeit sichern wollte. Dazu gehörte auch eine vernünftige Schulversorgung für die Kinder Karlshorsts, was ohne eigene Schule einen sieben bis acht Kilometer langen Fußmarsch entlang der damals noch einfachen Treskowallee bis zur nächsten Schule in Friedrichsfelde bedeutete. Am 11. Juni 1897 eröffnete daher eine einklassige Schule für 29 Kinder im unteren Raum eines kleinen Gartenhauses in der Auguste-Viktoria-Straße 15 (seit 1951 Ehrlichstraße) unter dem Lehrer Paul Koeppler aus Zeestow, Kreis Osthavelland. Ein Schulraum war gefunden, doch kein Sportplatz; der Turnunterricht entfiel deshalb. Am mangelnden Interesse der Karlshorster wird es nicht gelegen haben, wie wiederholte Kinderfeste, Stiftung von Büchern und Geschenke von Lehrmitteln zeigten.

Schon im Frühjahr 1898 wurde der Raum für die inzwischen 85 Kinder zu eng. Zunächst stellte die Übergabe des (schon 1895 im Koloniekonsens vorgesehenen) neuen Schulhauses auf einem Grundstück in Gundelfingerstr. 10-11 (damals zur Treskowallee 70 gerechnet) am 29.9.1899 eine Lösung dar. Das Grundstück war ein Geschenk des Rittergutsbesitzers von Treskow an die Gemeinde. Vier Klassenräume, eine Lehrerwohnung und eine weitere für den „Schuldiener“ reichten jedoch nicht lange. Schon Ende 1901 gab es 300 Schüler in fünf Klassen mit vier Lehrern; 1909 waren es bereits 687 Kinder und 13 Lehrer und 1910 sogar 800 Schüler!

Infolge dieser enormen Zuwächse mußte das Gebäude im Lauf der Jahre mehrfach erweitert werden; jedes neu fertiggestellte Klassenzimmer wurde sofort bezogen. Nach Bauende 1907 gab es zehn Klassenräume, eine Turnhalle und ein Aborthaus. Nach einer Zählung aus dieser Zeit lernten hier 312 Schüler und 369 Schülerinnen. Von diesen Kindern waren 36 kurzsichtig, elf schwerhörig und zwei schwachsinnig. Die Enge bestand weiter, bis am 6.10.1910 ein weiteres Schulhaus mit sieben Klassen für je 96 Knaben und Mädchen in der Auguste-Viktoria-Str. 35 bezogen wurde. Ein Novum für die Zeit war gemeinsamer Unterricht für Jungen und Mädchen, falls deren Anzahl nicht ausreichte, um Parallelklassen zu füllen. Der Schulleiter bis 1915 war übrigens der inzwischen zum Hauptlehrer aufgestiegene bereits erwähnte Paul Koeppler aus der ersten Karlshorster Schule. Die erste Privatschule im Ort war die von Fräulein Meta Horter am 12.4.1904 gegründete, in der 54 Kinder in vier Klassen auf den Besuch höherer Schulen vorbereitet wurden. Zunächst in der Dönhoffstr. 9 untergebracht, zog diese Schule am 1.4.1909 in die Villa Wildensteiner Str. 7. Aber auch die Privatschule wuchs bald über die anfängliche Schülerzahl hinaus, denn immer mehr Menschen zogen nach Karlshorst. Darum wurden ab Oktober 1910 fünf Klassen in der Volksschule Auguste-Viktoria-Str. 35 untergebracht.

Am 1.4.1912 übernahm die Gemeinde die Schule von Fräulein Horter und schuf so eine Vorschule für 69 Knaben, ein Lyzeum für 221 Mädchen und ein Realgymnasium mit 93 Schülern. Alle diese Schülerinnen und Schüler wurden schließlich in der Volksschule in Auguste-Viktoria-Str. 35 untergebracht. Die Lösung war nur eine kurzzeitige, denn das unerwartete Ansteigen der Schülerzahlen in den Folgejahren führte erneut zu einer Raumknappheit. Sieben Klassen mussten schließlich in die Wildensteiner Str. 7 umziehen, der Zeichen- und Gesangsunterricht der Mädchen fand in der Aula der Volksschule statt und der winterliche Turnunterricht im Fürstenhaus, was zu Störungen des Unterrichts durch längere Wege in den Pausen führte.


In Karlshorst zur Schule gehen… (ab 1914)#

Das Lyzeum und das Realgymnasium sowie die Knaben-Vorschule fanden erst wieder ausreichend Platz für den Unterricht, als sie am 15.4.1914 in einem großen Neubau an der Treskowallee 44 untergebracht wurden. Schulleiter des Gymnasiums war Dr. Wilhelm Bolle aus Friedenau; die Mädchenschule und die Knabenvorschule leitete Dr. Otto Draeger aus Lichtenberg, der bereits ein gutes Jahr später im 1. Weltkrieg fiel. Der neuen Einrichtung mit dem Namen „Reformrealgymnasium“ wurde zusätzlich eine Realschule angegliedert. Nach Klassenstufen gestaffelt erhielten die Schülerinnen und Schüler Französisch-, Latein- und schließlich Englischunterricht. Die erste Abschlußprüfung an der Realschule fand Ostern 1917 statt, die erste Reifeprüfung am Gymnasium folgte Ostern 1920.

Zu dieser Zeit (1919/20) wurde das Reformrealgymnasium um einen bereits vorher geplanten Flügel am Römerweg erweitert und erhielt so seinen uns noch heute bekannten komplizierten Grundriß. 1925 erhielt das Gebäude an der Treskowallee den Namen „Kantschule“, der vielen auch heute noch geläufig ist, selbst wenn sie nicht Schüler dieser Einrichtung waren. Der bis Kriegsende 1945 erworbene gute Ruf konnte jedoch die teilweise Auflösung (nämlich die des Mädchengymnasiums) und die Verlegung des Restes der Kantschule in die Schlichtallee nicht verhindern. Mit Beschluß der DDR-Regierung nahm am 4. Oktober 1950 das Institut für Planökonomie im Gebäude an der Treskowallee seine Arbeit auf. Die spätere Einrichtung der Hochschule für Ökonomie und schließlich der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft wäre dann schon wieder „Hochschulgeschichte“ und sprengt diesen Rahmen.

Auch bei den Volksschulen gab es Änderungen; sie bekamen 1921 zunächst neue Nummern, sodaß nun in der Treskowallee die 29. und in der Auguste-Viktoria-Straße die 30. Volksschule stand. Beide wurden ab 1922 achtklassig. Knaben und Mädchen hatten gemeinsamen Unterricht bis zur 4. Klasse. Danach erfolgte jeweils die Trennung: Mädchen gingen ab dann in die 29. (Treskowallee) und Knaben in die 30. Volksschule (Auguste-Viktoria-Straße). Eine Zählung von 1933 ergab eine Anzahl von 1500 Schülern an beiden Volksschulen. Nach Kriegsende stieg mit der schrittweisen Aufhebung des sowjetischen Sperrgebietes und dem damit einhergehendem Zuzug von Menschen der Bedarf an Schulen wieder an. Das Schulgebäude in der Gundelfinger Str. 10-11 stand jedoch nicht mehr zur deutschen Verfügung. Bis 1952 wurde es von sowjetischen Offizieren genutzt. Für kurze Zeit – ganze zwei Jahre – erlebte es bis heute zum letzten Mal wieder einen deutschen Schulbetrieb. Seit dem 1.9.1954 wurde das Haus zur sowjetischen Mittelschule für die Kinder der hier stationierten Offiziere, Berufssoldaten und Zivilangestellten der GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland). Die bis dahin in der Gundelfinger Straße unterrichteten deutschen Klassen wurden in zwei Holzbaracken auf dem Gelände der Schule in der Ehrlichstraße (ehem. Auguste-Viktoria-Straße) verlegt.

Seit dem Abzug der GUS-Truppen 1994 steht das Schulgebäude leer und verlangt mehr und mehr nach einer gründlicher Sanierung. Der Karlshorster Schulbedarf stieg jedoch weiter. Zusammen mit vier Neubauten, die seit Anfang der 50er Jahre entstanden, gibt es heute: Das Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasium (6. Gymnasium) im Römerweg 39, das zu DDR-Zeiten als 2. Polytechnische Oberschule errichtet wurde. Die 22. bzw. „Karlshorster Grundschule“, die 1959 in der Lisztstr. 6 zur Aufnahme der Schüler aus der Gundelfinger Straße 10-11 als 29. POS bzw. Suche-Bator-Oberschule erbaut wurde. Die 21. bzw. Lew-Tolstoi-Grundschule am Römerweg 120, die 1967 als 15. POS (ehem. Valentina Tereschkowa) mit 20 Klassen entstand. Als letzter Schulneubau in Karlshorst folgte 1978 schließlich die 3. POS in der Ehrenfelsstraße 36; diese ist heute die Richard-Wagner-Grundschule (24. Grundschule). Die ehemalige 30. POS M. W. Lomonossow in der Ehrlichstr. 60 beherbergt heute die private BIPKreativitätsgrundschule.

DeWikipedia:Hochschule_für_Ökonomie_Berlin


Karlshorst auf dem Weg durch den II. Weltkrieg#

Karlshorst war inmitten des Arbeiterbezirks Lichtenberg in den 20er und 30er Jahren kein Ort für politische Aufrührer. Unter den damals rund 20.000 Einwohnern bildete mit höheren Beamten und Angestellten ein nationalkonservatives Bürgertum die Mehrheit. Bestätigt wird dies durch den Karlshorster Anzeiger vom 19. November 1929: Als stärkster nationaler Ort im Bezirk steht Karlshorst da. Es ist die Hochburg des nationalen Willens im Berliner Osten. Da nützen keine Fackelumzüge der SPD […] Die Fenster und Türen bleiben zu, und stolz erfüllt jeder Bürger seine Wahlpflicht zum Besten […] seines Vaterlandes. Doch selbst hier besaßen Sozialdemokraten und Kommunisten Anhänger in den Laubenkolonien – oft ständiger Wohnsitz finanziell schlechter gestellter Familien – und unter den Bewohnern der schlichteren Häuser im Norden des Ortsteils.

Vor diesem Hintergrund mußten auch die Nationalsozialisten zu Beginn der 30er Jahre nicht mit großflächigen Protesten rechnen. Doch auch in Karlshorst gab es Widerstand: der evangelische Pfarrer Martin Voelkel als Anhänger der Bekennenden Kirche ist neben anderen mehr oder weniger bekannten Karlshorstern verschiedener Überzeugungen zu nennen. Unmittelbar hinter der Grenze zu Friedrichsfelde auf dem heutigen Tierparkgelände nutzte ab 1940 die Gestapo ein Sonderbaulager der Reichsbahn als sog. Arbeits- und Erziehungslager Wuhlheide. Dessen acht bis zehn Baracken sollen bis 1945 etwa 10.000 (nach anderen Quellen 30.000) Häftlinge durchlaufen haben, darunter auch der erste Seelsorger der 1906 errichteten Kuratie Friedrichsfelde-Karlshorst, Dompropst Bernhard Lichtenberg. Seine Gedenktafel ist am Pfarrhaus der 1935/36 errichteten katholischen Kirche St. Marien in Karlshorst zu finden. Die außerordentlich harten Lebens- und Arbeitsbedingungen kosteten nach unterschiedlichen Angaben bis zu 3.000 Menschen das Leben. Die Inhaftierten mußten u. a. beim Ausbau der Strecke am Bahnhof Karlshorst arbeiten, wobei ein Fall von Zivilcourage dokumentiert wurde: Irgendwann zwischen April 1942 und Mai 1943 konnte vom S-Bahnhof Karlshorst aus beobachtet werden, wie ein Bewacher einen jungen Polen schwer mißhandelte. Auf dem Rückweg ins Lager Wuhlheide begleiteten daraufhin etwa 30 Menschen das Häftlingskommando quer durch Karlshorst bis zum Lagertor und beschimpften die Bewacher. Die noch bis zum Tor dabeigebliebenen 8-10 Personen wurden schließlich vom Lagerkommandanten Elbers vertrieben.

Im Jahr 1942 fiel die erste Bombe auf Karlshorst: Die Bäckerei und Konditorei Bibow in der Auguste-Viktoria/Prinz-Eitel-Friedrich-Straße (heute Ehrlich-/Üderseestraße) fiel in Schutt und Asche. Diesem ersten Treffer folgten noch etliche in den kommenden Jahren. Die meisten Schäden erlitten die Häuser im Prinzenviertel. So wurden am 24. Dezember 1943 auch die „Gründungshäuser“ von Karlshorst in der Lehndorffstraße zerstört. Viele Schäden sind heute noch an den Lückenbebauungen der Nachkriegszeit und an den fehlenden Türmen und Aufbauten auf den Häusern in der Umgebung des Bahnhofs nachvollziehbar. Neben menschlichem Leid und Todesopfern ergab die Bilanz des Krieges für Karlshorst 168 völlig zerstörte und 806 beschädigte Häuser.

In den 1936-38 errichteten Gebäuden der Festungspionierschule I in der Rheinsteinstraße wurde im April 1945 der Gefechtsstand I des Verteidigungsabschnittes B eingerichtet, der in diesem Bereich die sowjetischen Angriffe abwehren sollte. Da sich die deutschen Einheiten jedoch vor dem Zusammentreffen mit dem weit überlegenen Gegner zurückzogen, wurde der Bereich der Schule praktisch nicht umkämpft, und am 23. April unzerstört eingenommen. Der Stab der sowjetischen 5. Stoßarmee konnte somit die Gebäude nutzen, und im Offizierskasino sein Hauptquartier aufschlagen, das zum Sitz der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und ab 1949 der Sowjetischen Kontrollkommission wurde.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete hier Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im Speisesaal des Offizierskasinos die Kapitulationsurkunde, wie es schon einen Tag zuvor im amerikanischen Hauptquartier im französischen Reims geschehen war. Noch am 22. April 1945 verschanzten sich einige Wehrmachtsfahrzeuge mit nur noch schwach ausgerüsteter Besatzung in den Nebenstraßen der Treskowallee. Da es einigen Karlshorstern gelang, die meisten der Soldaten von der Sinnlosigkeit eines Weiterkämpfens zu überzeugen, blieb dem von schweren Kriegsschäden verschonten Karlshorst die Zerstörung durch Straßenkämpfe erspart. Am 4. und 5. Mai 1945 begann die Rote Armee mit der Einrichtung eines Sperrgebietes, wofür etwa 8.000 Karlshorster innerhalb kürzester Zeit ihre Häuser verlassen mußten. Entgegen dem Ehrenwort des sowjetischen Kommandanten von Karlshorst wurde auch die St. Marienkirche samt Pfarrhaus besetzt, wobei die Kirche als Viehstall und Kohlenlager, das Pfarrhaus als Kino, Kasino und Gefängnis herhalten mußten. Erst 1948 konnten die ersten der ausgesiedelten Karlshorster in ihre Wohnungen zurückkehren.

DeWikipedia:Martin_Voelkel

DeWikipedia:Festungspionierschule

DeWikipedia:Bernhard_Lichtenberg


Die eingezäunte Garnison#

Das Nachkriegs-Karlshorst wurde in erster Linie geprägt durch die „Russen“, und ihr lange Zeit in unterschiedlicher Größe bestehendes Sperrgebiet. Kurz nachdem die ersten Soldaten der Roten Armee am 23. April 1945 in Karlshorst erschienen, kursierten Gerüchte, dass Karlshorst kurzfristig von der deutschen Zivilbevölkerung geräumt werden müsse. Mit einem Befehl vom 3. Mai 1945, den sowjetische Lautsprecherwagen zwei Tage darauf verkündeten, wurde dies Wahrheit: Mindestens achttausend Einwohner mussten innerhalb von 24 Stunden ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Nur wenige Deutsche, die für die Besatzungsmacht arbeiteten, durften bleiben. Betroffen von der Räumung war das gesamte nördlich der S-Bahnlinie liegende Wohngebiet. Die Rote Armee umzäunte das Gebiet westlich bis zur Friedrichsteiner Straße (nach anderen Angaben nur bis einschließlich Junker-Jörg-Straße) und östlich bis zu den Kleingartenanlagen und der Grenze zu Biesdorf. Die nördliche Begrenzung bildete die Hönower Straße; im Nordosten waren noch die Häuser an der Warmbader Straße eingeschlossen. Im Süden bildeten die S-Bahngleise ein Schlagbaum quer über die Treskowallee die Grenze. Darum wurde 1951 der heute bestehende südliche Eingang zum Bahnhofsgebäude gebaut, und der alte Eingang unter der Brücke zugemauert. Die streng bewachte Haupteinfahrt lag am Rondell Rheinstein-/Ehrenfelsstraße.

Doch trotz Zaun und Wachen blieb das Sperrgebiet nicht völlig abgeschlossen. Häufig blieb ein Zugang zu den Gärten der sowjetisch besetzen Häuser möglich, ganz abgesehen von den vielfach genutzten Lücken im Zaun. Doch ein Dauerzustand sollte die Absperrung zum Glück nicht bleiben. Schon am 25. Dezember 1949 (vier Tage nach Stalins Geburtstag) gab die Rote Armee die gesamte Westhälfte und Teile der Osthälfte frei. Am 26. Mai 1963 wurde am Morgen überraschend auch der Rest der Absperrungen aufgehoben. Lediglich ein „innerer Kreis“ von etwa 15 Häusern blieb bis zum Abzug fest in sowjetischer bzw. russischer Hand. Neben den „großen“ Teilaufhebungen des Sperrgebiets kam es immer wieder zu kleinen Änderungen. Am auffallendsten war im Juni 1945 die Teilung in eine Ost- und eine Westhälfte durch hohe Zäune beiderseits der Treskowallee, um die Wiederaufnahme des Straßenbahnverkehrs zu ermöglichen. Die Dönhoffstraße wurde 1947 eisenbahnseitig gesperrt und 1948 das Heimatviertel vollständig freigegeben. Im Zusammenhang mit einer Truppenreduzierung war ab 1950 der Bezug von Wohnungen im Prinzenviertel wieder möglich, und Anfang der 50er Jahre wurde der rechte Bürgersteig der Stolzenfelsstraße freigegeben. Ab 1957 verlief der Sperrzaun schließlich hinter den Häusern der Treskowallee.

Neben dem unübersehbar giftgrün umzäunten Gebiet nutzte die Besatzungsmacht weitere Gebäude in Karlshorst: Weiter oben wurde bereits die Grundschule in der Gundelfinger Straße erwähnt, die mit ganz kurzer Unterbrechung seit 1945 durch die Besatzungsarmee genutzt wurde; seit dem 1. September 1954 wieder als Schule, aber nur für Kinder sowjetischer Offiziere. Auch die evangelische und die katholische Kirche, die mitten im Sperrgebiet lagen, wurden zweckentfremdet: Die katholische St. Marienkirche blieb bis 1950 als Unterkunft für Vieh sowie als Möbelspeicher und Kohlenlager in sowjetischer Hand. Entsprechend sah die Kirche bei der Rückgabe aus. Das Pfarrhaus diente als Kino, Offizierskasino und Gefängnis. Der evangelischen Kirche in der Weseler Straße erging es als Lager für die Möbel vieler aus ihren Wohnungen vertriebener Karlshorster Bürger und als Pferdestall nicht besser. Nach der Rückgabe 1955 konnte die Kirche erst im Juli nach vollständiger Instandsetzung wiedereröffnet werden.

Die heutige Katholische Hochschule für Sozialwesen wurde von der Roten Armee als Verwaltung für Wirtschaft der SMAD in Anspruch genommen, zum Teil diente die Einrichtung als Gefängnis des Geheimdienstes. Der S-Bahnhof Karlshorst verwaiste vorübergehend, da im Mai und Juni 1945 beide Gleise der Strecke nach Erkner demontiert wurden. Aber wenigstens den alten Rennbahnhof nutzte die Rote Armee weiterhin als Station für Pferdesendungen. Große Gebiete an der Rennbahn dienten als Kasernengelände, und auch das Elisabeth-Hospital sowie einige Häuser am Traberweg unterlagen sowjetischer Nutzung. Der Geheimdienst zog erst 1953/54 aus Friedrichsfelde in ein Eckhaus Rheinstein-/Königswinterstraße. Heute muss man in Karlshorst schon recht genau suchen, um Spuren der Garnisonsvergangenheit zu finden. Seit dem Abriss der Kaserne südlich der S-Bahn sind fast nur für Eingeweihte an einigen Mauerresten am früheren inneren Kreis Hinterlassenschaften zu finden.

DeWikipedia:Sowjetische_Militäradministration_in_Deutschland